Sonntag, 19. Februar 2017

Bier

Puh! Das war geschafft. "Alles" hatte Dagmar auf die Karte geschrieben. Auch diese Geburtstagskarte wurde mit der Hand geschrieben. Das hatte sie immer so gemacht. Sie drehte die Karte um und schaute sich noch einmal den Rocker auf seinen Motorrad an. "75 und immer noch Vollgas" stand darunter. Weiter!
Angestrengt malte sie ein 'G' gefolgt von einem 'u', ohne abzusetzen. Das 't' mit 'e' ging wieder ganz flott. Sie schüttelte ihren Kopf. Noch einmal neu schreiben lernen, wer hätte das gedacht.
Kritisch beäugte sie die ersten Wörter ihrer Wünsche. "Alles Gute" war tatsächlich leserlich. Wie sollte sie nur das kleine 'z' schreiben? Einen kleinen Krakel wollte sie nicht machen.
Die stämmige Frau nahm sich eine Serviette. Angestrengt malte sie ein 'z' in Schreibschrift. Die Schlaufe unter dem Krakel sollte doch ganz deutlich zu erkennen sein.

Freitag, 10. Februar 2017

Der Sohn

Waren das Drachen, die dort hinten flogen? Das musste er sich genauer ansehen. Nur, wie sollte er denn dahin kommen? Es war anscheinend ein Moor vor ihm. Zwar ging dort ein schmaler, geschlängelter Pfad hindurch, aber normalerweise waren solche Wege gefährlich. Und es galt ja ganz gewaltlos zu sein. Ein anderer Weg war aber nicht zu sehen und so ging er langsam in das Moor hinein.
Links und rechts gab es merkwürdige Pflanzen zu sehen. Er versuchte diese einzuordnen. Eine war an den blauen Frauenschuh angelehnt. Hießen diese Orchideen eigentlich so? Von der unteren Ansicht sahen diese herrlich aus. Die dunkelblauen Blüten vor dem hellblauen Himmel passten herrlich zu dem satten Grün der Blätter.
Wenig später waberte die schwarze Brühe an der rechten Seite. Es blubberte richtig. Kam dort etwas herauf? Sollte er warten, bis etwas passiert? Vorne warteten die Dinger, die eben noch ganz klein waren. Mittlerweile waren die näher gekommen. Das war wirklich viel interessanter.
Nach ein paar Minuten sah er wirklich zwei Drachen über dem Moor fliegen. Ihr grüner Panzer passte gut zu dem rosa der Moorblumen. Die beiden spielten oder tanzten wohl? Gab es männliche und weibliche Drachen? Hatten die demnächst Sex?
"Wo bleibst Du denn?", hörte er seinen Begleiter.
"Ich komme schon", rief er und lief schneller.

Samstag, 4. Februar 2017

Nackt

Er sah sie. Auf der anderen Seite der Schlucht stand Asgard, die Burg der Asen. Die Schlucht war, genau wie ihm immer erzählt wurde, von einer farbigen Brücke überspannt. Was hatte das zu bedeuten?
"Heh", hörte er von links und wurde nach rechts gestoßen. Dort war auch ein Widerstand. Er ging nach vorne und fühlte einen Ellenbogen im Bauch.
Als er an sich hinunter sah, sah er nichts. Ein Schatten war dort, wo seine Beine hätten sein sollen. Aber den Schatten konnte er spüren und auch bewegen. Seinen richtigen Körper hatte er auf irgendeinem Schlachtfeld verloren.
"Au", sagte er bei dem Schlag auf dem Kopf. Er drehte sich um und nickte mit seinem Schattenkopf in Richtung eines kaum sichtbaren Gegners. Ein Schmerz von der nicht vorhandenen Stirn, das Geräusch von Knochen auf Knochen und der Aufschrei des Hintermanns, zeigten ihm, dass er wohl seinen Hintermann wirksam getroffen hatte.
So ging es weiter. Von allen Seiten wurde nach ihm gestoßen, getreten und geboxt. Er teilte gleichsam nach den kaum sichtbaren Gegnern aus, bis er schließlich einen Platz gefunden oder erkämpft hatte, an dem er bleiben konnte.
Der Platz vor dem, mit einem Tor verschlossenen, Brückenkopf der Regenbogenbrücke war mit Schatten von gefallenen Kriegern und Helden gefüllt. Sie warteten und, an den Stellen, an denen neue Schatten erschienen, prügelten sie sich. Den Schatten war der Untergang der Sonne egal. Niemand schlief.

Montag, 30. Januar 2017

Loser

An dem Abend musste er ganz zwanglos sein. Leicht und locker galt es Kontakte zu knüpfen. Ganz unverkrampft sollte er auftreten. Auf gar keinen Fall durfte erscheinen wie jemand, der unbedingt wichtige Kontakte haben musste.
Er schaute nachdenklich in den Spiegel. Der Rasierschaum stand ihm gut. Konzentriert rasierte er sich.
"Tchakaa Du schaffst das", sagte er zum Spiegel, nachdem er sich das after shave auf seine brennende Gesichtshaut gerieben hatte. Sofort fiel ihm ein, dass das bestimmt nicht richtig war. Sofort korrigierte er sich: "Nicht sofort mit der Tür ins Haus fallen." Aus dem Spiegel schaute ihn ein verblüfftes Gesicht an. "Zunächst wird geflirtet, erst dann gefickt", sagte er zum Spiegel. Das Gesicht grinste, sein Kopf schüttelte sich.
Auf dem Bett hatte sie schon den Aufzug für den Abend hingelegt. Das war also sportlich elegante Bekleidung. Langsam zog er sich an. Dabei wiederholte er das Mantra "Nicht sofort mit der Tür ins Haus fallen". Bei der Krawatte war er unsicher.
"Sag mal Liebes, muss das sein? Es soll doch ...", weiter kam er nicht. Ihr Gesicht sagte alles. "Wenn Du meinst", er band sie sich um.

Freitag, 20. Januar 2017

Der Haken

Ratsch, machte es und er lag auf dem Boden. Es war klar, dass auch das schief ging. Aber vielleicht war die Schlinge ja fest genug. Es wurde schwarz. Er schluchzte, als er die Augen wieder öffnete. Die Tränen flossen nur so aus seinen Augen. Traurig war er nicht. Warum nur flossen diese Tränen? Die Decke war hohl. Wie dumm von ihm das Seil an dem Haken der Wohnzimmerlampe zu binden. Deswegen flossen die Tränen nicht. Da war er sich ganz sicher. Auch der Gedanke an seiner Dummheit waren nicht der Grund der Tränen. Von ihm getrennt waren Tränen. Er selbst wusste, dass er nun in den Baumarkt gehen musste, um einen dicken Haken zu kaufen. Einen Haken, den er in den Balken schrauben konnte. Einen Haken, der sein Gewicht würde halten können. Dann, genau dann, hätte das hier alles ein Ende. Der Gedanke an das Ende erzeugte in ihm kein Gefühl von Befreiung, sondern ging einher mit einem nachlassenden Tränenfluss.

Samstag, 14. Januar 2017

Der Blick

Sie war alleine. Aber das konnte sie nun auch nicht mehr ändern. Zum kämpfen war sie nicht stark genug. Also schritt sie leise, ganz sacht durch den Wald. Zum Glück war der Weg weit einsehbar. Wenn sie sich am Rand des Weges von Baum zu Baum bewegte, könnte sie sich bei Gefahr verstecken. Nach ein paar Schritten fiel ihr ein, dass, wenn von hinten jemand käme, der sie sehen und überraschen könnte.
Sie beschloss von einem Baum zunächst nach vorne zu lauschen und dann nach hinten zu sehen. Wenn alles klar wäre, wollte sie zum nächsten Baum huschen. Von dem Huschen fing ihr Herz an zu pochen. Ein Gefühl von Angst überkam sie. Warum musste sie nur ihren Helfer verlieren?
Huschen war keine gute Idee. Sie musste sich beruhigen. Unüberlegt hin und her zu springen, würde sie nur ermüden und dann wäre sie verloren. Es war nun einmal so, dass sie ganz alleine durch den Wald musste, wenn sie zurück zur Zunft wollte. Dann hieß es also, auf das Glück und die Fügung zu vertrauen.

Freitag, 6. Januar 2017

Frohes Neues!

"Frohes, Neues", sagte Nikki zu der Elfe, die sich auf der Bank gegenüber niederließ. Ihre dunkle Mütze und die langen, glatten und blonden Haare gaben ihr etwas verträumtes. Die freundlichen Worte ignorierte sie einfach. Mit ihren blauen Augen schaute sie schweigsam aus dem Fenster.
Nikki atmete hörbar aus. Sollte es das gewesen sein? Sie hatte sich fest vorgenommen im neuen Jahr freundlich und offen zu allen zu sein.
Zum Glück erwiderte dann doch die Elfe: "Danke, ebenso" .
Sie lächelte sogar und zeigte kurz ihre weißen Zähne. "Entschuldige, ich bin noch gar nicht im neuen Jahr angekommen", fügte sie hinzu.
"Normal fahre ich auch nicht schon am zweiten Januar ins Geschäft. Aber diesmal liegt Neujahr so ungünstig. Da müsste ich doch vier Tage Urlaub nehmen und die fehlen mir dann doch später. In dem Matschwetter kann man doch sowieso nicht wegfahren. Besser dachte ich mir im Sommer ein paar Tage mehr frei haben. Aber dann ist es ja doch noch so richtig dunkel im Januar. Vielleicht hätte ich doch lieber frei genommen?", sprudelte es aus Nikki aus.
Die Elfe hörte schon gar nicht mehr zu. Sie blickte abwesend aus dem Fenster.
Nikki wollte gar nicht zudringlich werden. Das war schon einmal ein Anfang. Aber war das nicht doch ein doofer Schluss? Besser wäre doch ein Lob oder Kompliment gewesen. Sie betrachtete das im Fenster gespiegelte Gesicht des blonden Mädchens. So sah sie noch viel schöner aus. Im Hintergrund war es noch dunkel. Die Blässe ihrer Haut kam durch diesen Kontrast noch viel stärker zur Wirkung. Dazu noch die blonden Haare. Sonst wäre ich solch einem Engel nicht begegnet, wäre besser gewesen, dachte sich Nikki. Obwohl so eine blöde Anmache auch doof gewesen wäre.
Im Fenster auf der anderen Seite des Waggons sah sich Nikki. Sie lächelte ihrem Spiegelbild zu. Ihr Gesicht war nun wirklich freundlich und aufgeschlossen!
In der nächsten Station ging die Elfe. Nikki stellte sich danach an die Tür und betrachtete wieder ihr Spiegelbild. Sie lächelte und wusste, dass sie verliebt war.