Samstag, 14. Januar 2017

Der Blick

Sie war alleine. Aber das konnte sie nun auch nicht mehr ändern. Zum kämpfen war sie nicht stark genug. Also schritt sie leise, ganz sacht durch den Wald. Zum Glück war der Weg weit einsehbar. Wenn sie sich am Rand des Weges von Baum zu Baum bewegte, könnte sie sich bei Gefahr verstecken. Nach ein paar Schritten fiel ihr ein, dass, wenn von hinten jemand käme, der sie sehen und überraschen könnte.
Sie beschloss von einem Baum zunächst nach vorne zu lauschen und dann nach hinten zu sehen. Wenn alles klar wäre, wollte sie zum nächsten Baum huschen. Von dem Huschen fing ihr Herz an zu pochen. Ein Gefühl von Angst überkam sie. Warum musste sie nur ihren Helfer verlieren?
Huschen war keine gute Idee. Sie musste sich beruhigen. Unüberlegt hin und her zu springen, würde sie nur ermüden und dann wäre sie verloren. Es war nun einmal so, dass sie ganz alleine durch den Wald musste, wenn sie zurück zur Zunft wollte. Dann hieß es also, auf das Glück und die Fügung zu vertrauen.

Freitag, 6. Januar 2017

Frohes Neues!

"Frohes, Neues", sagte Nikki zu der Elfe, die sich auf der Bank gegenüber niederließ. Ihre dunkle Mütze und die langen, glatten und blonden Haare gaben ihr etwas verträumtes. Die freundlichen Worte ignorierte sie einfach. Mit ihren blauen Augen schaute sie schweigsam aus dem Fenster.
Nikki atmete hörbar aus. Sollte es das gewesen sein? Sie hatte sich fest vorgenommen im neuen Jahr freundlich und offen zu allen zu sein.
Zum Glück erwiderte dann doch die Elfe: "Danke, ebenso" .
Sie lächelte sogar und zeigte kurz ihre weißen Zähne. "Entschuldige, ich bin noch gar nicht im neuen Jahr angekommen", fügte sie hinzu.
"Normal fahre ich auch nicht schon am zweiten Januar ins Geschäft. Aber diesmal liegt Neujahr so ungünstig. Da müsste ich doch vier Tage Urlaub nehmen und die fehlen mir dann doch später. In dem Matschwetter kann man doch sowieso nicht wegfahren. Besser dachte ich mir im Sommer ein paar Tage mehr frei haben. Aber dann ist es ja doch noch so richtig dunkel im Januar. Vielleicht hätte ich doch lieber frei genommen?", sprudelte es aus Nikki aus.
Die Elfe hörte schon gar nicht mehr zu. Sie blickte abwesend aus dem Fenster.
Nikki wollte gar nicht zudringlich werden. Das war schon einmal ein Anfang. Aber war das nicht doch ein doofer Schluss? Besser wäre doch ein Lob oder Kompliment gewesen. Sie betrachtete das im Fenster gespiegelte Gesicht des blonden Mädchens. So sah sie noch viel schöner aus. Im Hintergrund war es noch dunkel. Die Blässe ihrer Haut kam durch diesen Kontrast noch viel stärker zur Wirkung. Dazu noch die blonden Haare. Sonst wäre ich solch einem Engel nicht begegnet, wäre besser gewesen, dachte sich Nikki. Obwohl so eine blöde Anmache auch doof gewesen wäre.
Im Fenster auf der anderen Seite des Waggons sah sich Nikki. Sie lächelte ihrem Spiegelbild zu. Ihr Gesicht war nun wirklich freundlich und aufgeschlossen!
In der nächsten Station ging die Elfe. Nikki stellte sich danach an die Tür und betrachtete wieder ihr Spiegelbild. Sie lächelte und wusste, dass sie verliebt war.

Donnerstag, 22. Dezember 2016

Erwin

1

Er war der zweite von den Gästen. Der Heinz sprach schon mit einem unbekannten Kollegen.
“Hallo Herr Sellger”, grüßte Erwin, obwohl sie sich seit Urzeiten kannten. Der Anlass war schließlich beruflich.
“Hallo Erwin, das ist der junge Herr von Lovetzski, Herr von Lovetzski, das ist der Herr Meierfelder.”, vergaß Heinz alle Förmlichkeiten.
“Erwin”, er streckte seine Hand aus. Der unbekannte Kollege griff sie und antwortete mit “Thomas”. Ingenieure waren immer per ‘Du’, so gehörte sich das einfach. Nur die Ingenieure, die auf Seiten des Kunden befördert wurden, die Aufträge vergaben und die Teams zusammen stellten, waren irgendwann eher per ‘Sie’.
An dem Abend wurde der erfolgreiche Abschluss des Projekts gefeiert. Es kam noch weitere Kollegen hinzu. Die Gesellschaft traf sich in einem Gourmetlokal auf der schweizer Seite. Heinz war ein Spezialist in der Auswahl solcher Lokale.
Nach dem Aperitif, sollten die Speisen bestellt werden. Der Herr von Lovetzski schaute auf die Uhr und sagte: “Also, ich kann dann nur eine Vorspeise nehmen. Ich muss ja dann noch den Zug bekommen.”
Heinz protestierte: “Aber, aber. Das geht doch gar nicht. Sie müssen hier das Felchenfilet in Mandelbutter probieren. Und dann erst der Nachtisch. Der Erwin, nicht wahr?”, drehte er sich zu Erwin um: “Du fährst ihn doch gerne.”
Erwin nickte.
“Sehen Sie, der Herr Meierfelder, der Erwin, der kann Sie fahren. Sie bleiben nun hier. Oder haben Sie etwas vor?”
“Echt, würdest Du das machen?”, fragte von Lovetzski.
“Ja, klar. Ich trinke ja nicht und vor Mitternacht schlafe ich sowieso nicht. Da kann ich Dich auch fahren. Ist überhaupt kein Problem”, sagte er zu.

Samstag, 29. Oktober 2016

Geschnitten

Mit ihr hatte er gar nicht gerechnet. Diese Frau war das, wie immer, unerwartete Sahnestückchen, das der Tüchtige verdient hat.
Er setzte sich aufrecht hin, als sie fragte: "Ist hier noch frei".
"Aber sicher doch!", antwortete er ohne in irgendeiner Weise zu Lächeln oder sonstiges Interesse zu zeigen.
Die Müdigkeit des frühen Aufstehens war verflogen. Sollten die Fahrten mit dem Frühzug, die die nächsten sechs Wochen zu bewältigen waren, doch interessanter werden als gedacht?
Mit einem schlichten "Danke" nahm sie Platz. Ein freundliches Lächeln hätte sie sowieso nicht erwidert. Richtige Frauen reagieren da sowieso nicht drauf. Ein kurzer Blick kam trotzdem, dann widmete sie sich den Unterlagen, die sie aus ihrer Tasche holte.
Der Blick sagte ihm, dass ein klein wenig Interesse vorhanden sein könnte. In seiner Ecke machte er sich ein klein wenig breiter. Den rechten Arm lehnte er an das Fensterbrett, die Beine breitete er aus. Ein Mann muss als solcher zunächst Gelände sichern, das war schon im Neanderthal so. Er überlegte, wie er einen ersten Punkt setzen könnte. Etwas, an das er gegebenenfalls am nächsten Morgen anknüpfen konnte.
Als er sah, welche Unterlagen sie las, stutzte er ein wenig, dann grinste er wieder.

Sonntag, 23. Oktober 2016

Unpassend

"Stell Dich einfach zu einem Grüppchen dazu und mach halt den Zuhörer, der dazu gehört. Hör zu, lach mit und immer gut drauf sein."
"Du spinnst"
"Nein, glaub mir. Das funktioniert schon. Die kennen sich untereinander doch gar nicht. Jedenfalls nicht so richtig. Jeder kann wichtig sein. Keiner traut sich nachzufragen, wer denn der andere ist. Es könnte ja ein Wichtiger sein, den man einfach kennen muss. Und, wenn man den nicht kennt, gehört man ja vielleicht selber nicht so richtig dazu."
"Wie?"
"Menschen sind doch immer so Gruppenwesen. Man gewöhnt sich an die Leute, die um einen drumherum stehen. Die waren schon immer da, also gehören die dazu. Die haben mitgelacht, also sind die derselben Meinung. Das sind alles Besucher, die sich für Kunst interessieren, die zeigen wollen, welche noblen Wesen sie sind. Ich bin auch nobel und hier und gehöre offensichtlich nicht zum Personal. Also kann ich doch einfach dazu gehören. Auf einer Vernissage habe ich das schon einmal gemacht und es hat funktioniert. Und? Wer weiß, vielleicht läuft ja noch etwas", die rechte Hand des Kollegen griff in die Luft und schien etwas in seine Tasche zu stecken.
"Was soll da schon ..."
"Sekt bestimmt, gutes Essen und wer weiß ein Tipp, wie Geld verdient wird. Die Weiber in diesen Schichten sind auch manchmal so richtig geil und suchen richtige Männer. Wir sind doch richtige Männer! Und wir verlegen die besten Rohre", der Kollege lachte und ging zum Eingang.

Freitag, 14. Oktober 2016

Die Verabredung

"CU@U?" schrieb er mit flinken Fingern, grinste und wartete. Seine rechte Hand klopfte auf seinen Oberschenkel.
Eine Antwort kam nicht sofort. Bestimmt musste Jupp das Ding wieder suchen. Er schaute sich ein paar Bilder an. Was da wieder für ein Blödsinn gepostet wurde. Nach ein paar Minuten schrieb er noch einmal "?".
Er spielte ein wenig 2048, dann summte es und es kam eine unerwartete Antwort. Es war ein Smiley mit Verband. Wo hatte Jupp das nur her? Dann klingelte das Smartphone.
"Jou"
"Bin im Bett"
"Dann steh halt auf, ich muss bei Dir spielen. Meine Schwester hat den Compi geschrottet und wenn ich nichts mache, ist das mit dem Plan vorbei. Da haben wir doch soviel hineingesteckt. Und dann kannst Du Dir den Zaubertrank auch abschminken. Deswegen komm ich mal ..."
"Bin nicht da."
"Wie? Wo?"
"Bin Krankenhaus. Bein und Arm kaputt. Die doofe Tucke hat ihre Sachen auf der Treppe gelassen. Ich bin da voll rüber und krach bunn nach unten ..."
"Scheiße! Was soll ich nun machen?"
"Puh"
"Ist bei Euch jemand da? Ich kann ja dann auch alleine. Wenn.."
"Ja, hast Recht. Ich melde Dich mal an. Und dann geh halt vorbei. Und viel Glück."

Freitag, 23. September 2016

Schmerzlos

"Also ich könnte das ja nicht aushalten, so immer leiden. Bei mir wäre da ja nun Schluss. So richtig Schluss. Kurz und schmerzlos. Zack. So wie beim Wachsen. Ratsch, Au und dann ist gut" kommentiere Tanja die Leiden von Eleni.
"Du hast gut reden. Der Werner ist so ein Lieber, den kann ich doch einfach nicht verlassen. Und er hat ja auch Recht. Wenn ich mich nebenher vergnüge, dann darf er das auch. Stell Dir vor, der schämt sich nun richtig, dass er da eine Bumsgöttin aufgetan hat."
"Das ist doch nur ein Spiel von dem. Der will Dich ..."
"Gar nicht. So denkt der doch nicht. Der kommt von ihr und ist einfach nur glücklich geschafft. Und dann gibt er gibt sich noch alle Mühe und tut so, als wenn er scharf auf mich wäre. Und ich sehe ihm das doch an, dass er nur ausruhen will. Ich tu dann so als hätte ich keine Lust."
"Du musst doch mal anfangen, in erster Linie an Dich selbst zu denken. Forder ihn doch noch einmal. Dann wird er sich schon entscheiden. Es gibt immer eine Möglichkeit das Leben einfach zu gestalten. Bei uns ist das so, dass wir unsere Nebensachen verheimlichen. Zwar hat jeder die Möglichkeit, aber es wird einfach nur vertraut und nicht nachgefragt. Wenn es anders wäre, würde ich kurz und schmerzlos Schluss machen. So mit den großen Gefühlen, wie bei Euch, ist das bei uns gar nicht. Bei uns hat einen Rhythmus, der einfach eingehalten wird. Jeder hat seine Abende. Was da läuft oder laufen könnte, da reden wir nicht drüber. Und das ist gut so."
Tanja nickte dazu, ballte ihre Faust und klopfte damit leicht auf den Tisch.
"Da können wir nun nicht zurück." stimmte Eleni ihr zu. "Wir hatten das damals so ausgemacht. Sich gegenseitig immer zuhören, beichten und verzeihen. Er hat mir immer verziehen. Es hatte ihn eher angemacht. Und als er dann anfing auch ... " Eleni kniff ihre Lippen zusammen und öffnete ihre Rehaugen. "Hat er mir das nur vorgespielt? Oder bin ich so schlimm, das ich eifersüchtig bin?"
"Du bist doch die, zu der er zurückkehrt. Oder etwa nicht?"
"Das hat am Anfang auch funktioniert. Mein Werner kann die und die haben, aber er wird mich nie ... und nun ist da diese Bumsgöttin. Sie ist eine fette Bauchtänzerin. Das ist nicht so eine ..." Eleni unterdrückte ein Schluchzen.
Tanja nahm sie in den Arm. "Ach, das schaffen wir schon. Hauptsache wir Mädels halten zusammen."